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Hände weg von unseren Auen

Immer im November, wenn die ersten Nachtfröste über das Land ziehen und die Menschen lieber im warmen Wohnzimmer bleiben, beginnen die Aktiven der Hegegemeinschaft der nordfriesischen Auen ihren Laichfischfang: Sie setzen ihre E-Fanggeräte und die leichten Aluboote  in Gang und befahren die Auen, um laichbereite Bach- und Meerforellen zu fangen. Die großen Laichfische werden dann abgestreift, das heißt ihr Rogen bzw. Ihre Milch wird durch vorsichtiges Massieren aus dem Elterntier herausgedrückt und miteinander vermischt. Der Laichfisch kommt anschließend unversehrt in das Gewässer zurück. Später werden die   befruchteten Eier in Zuchtrinnen im Bruthaus in Altmühlendorf aufgelegt und zu kleiner Fischbrut entwickelt. Die Angler der nordfriesischen Vereine stabilisieren mit dem Aussetzen der fressfähigen Forellenbrütlinge seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich einen eigenen Bestand an wertvollen lachsartigen Fischen.

Damit soll ab 2018 Schluss sein, denn die Kieler Fischereibürokratie hat die Lecker und die Soholmer Au mit der Neufassung der Binnenfischereiverordnung (BIFVO) aus der Liste der förderungsfähigen Fließgewässer des Landes entfernt. Was zur Folge hat, dass alle Besatzmaßnahmen in diesen Gewässersystemen nicht mehr aus der Fischereiabgabe gefördert werden dürfen, die von uns Anglern selbst bezahlt wird.                               

Für Günter Ullmann, der als Vorsitzender des Sportfischervereins Leck seit über dreißig Jahren an der Wiedereinbürgerung von Bach- und Meerforelle maßgeblich beteiligt ist, ist diese bürokratische Aktion unverständlich. „Das zuständige Ministerium in Kiel und das nachgeordnete Landesamt in Flintbek haben diese Maßnahme zu keiner Zeit mit uns besprochen. Vielmehr sind wir mit der  Neufassung der Gewässerliste und der Herausnahme unserer Auen aus dem Förderprogramm schlichtweg überrollt worden.  Ich muss ganz ehrlich sagen, dass diese für mich nicht begründete Maßnahme ein schwerer Schlag in unser aller Gesicht ist, die wir seit Jahren den Laichfischfang unter extremen Witterungsbedingungen mit getragen haben.“ Ullmann befürchtet jetzt auch, dass die für seine Auen abgeschlossenen Hegepläne, die z.B. die Art Besatzes festlegen, nicht mehr einzuhalten sind. Genauso steht es mit den Vorgaben durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die eine Verschlechterung des ökologischen Zustandes der Gewässer verbietet. „Die gleichen Institutionen, die uns in den vergangenen Jahrzehnten mit bürokratischen Hausaufgaben in Gestalt der Hegepläne und der Wasserrahmenrichtlinie überflutet haben, verhindern jetzt ohne Angabe ihrer Entscheidungskriterien die weitere Finanzierung der unbedingt sinnvollen Besatzmaßnahmen.“

Die Lecker Sportfischer haben deshalb auch den Kreisanglerverband Nordfriesland eingeschaltet und um Unterstützung gebeten. Der Vorsitzende des Fachverbandes Jürgen Töllner kommt zu einer sehr ähnlichen Einschätzung wie sein Angelfreund Ullmann.  „Mir stößt an der Vorgehensweise der Behörden gleich mehreres  auf:  Zum einen halte ich die Herausnahme der nordfriesischen Auen aus der Förderung durch Fischereiabgabemittel ohne jegliche Rücksprache mit den Beteiligten vor Ort, die ja das Fischereirecht und die Hegepflicht  in den Händen halten, für einen unglaublichen Vorgang. Dieses verdeckte und unehrliche Taktieren schafft Frustrationen bei den ehrenamtlichen Akteuren vor Ort, ohne die die Bürokratie überhaupt nichts bewegen könnte. Denn ohne die vielen ehrenamtlichen Aktivisten, Fürsprecher und Helfer würde es in den  Auen der Marsch keine einzige Bach- und Meerforelle mehr geben und der ökologische Zustand der Gewässer wäre noch bedenklicher als er es ohnehin schon ist. Des Weiteren missfällt mir, dass mir bislang keine fischereibiologischen Kriterien genannt wurden, nach denen diese Entscheidung gefällt wurde. Das nährt meinen Verdacht, es handele sich hier um eine willkürliche oder sogar bewusst manipulierte Entscheidung, wobei mir die Motive für diese Handlung noch nicht klar sind. Und letztlich befürchte ich, dass die beiden nordfriesischen Auen nicht nur aus der Förderung des Besatzes herausfallen könnten, sondern auch  keine Mittel mehr bekommen, wenn es zukünftig um eine eventuelle Renaturierung  oder strukturelle Verbesserung von Gewässersystemen gehen sollte. Denn solche Maßnahmen hätten die in den 1960-ger Jahren durch ihre Begradigung stark gebeutelten Auen dringend  verdient.“

Der Kreisanglerverband Nordfriesland hat sich dementsprechend  mit einem unmissverständlichen Schreiben an den zuständigen Landwirtschaftsminister Dr. R. Habeck gewandt und ihn zur Einflussnahme auf die Fischereibürokratie und zur  Wiederaufnahme der beiden Gewässersysteme  in die Förderkulisse aufgefordert. Nun wartet man in nordfriesischen Anglerkreisen, ob an der Lecker noch etwas gehen könnte  oder ob  die Angler sich zukünftig aus ihrem ehrenamtlichen Engagement für die Gewässer und ihre  Bewohner zurückziehen müssen, nur weil einige Schreibtischbesitzer ohne jegliche Not  ihnen die notwendigen Mittel gestrichen haben.

Die Husumer Nachrichten veröffentlichten am 29.11.2017 folgenden Artikel zu diesem Thema. Klicken Sie hier!

Mittlerweile hat das Landwirtschaftsministerium in einer Pressemitteilung an die HN geantwortet. Diese Antwort stimmt uns nicht zufriedener, weil sie die zentralen Fragen, die wir gestellt haben, immer noch nicht befriedigend beantwortet. Lesen Sie hier  selbst.